Der nächste heiße Scheiß: Demokratisches Wissen

Wenn man schon ein paar Jahre “im Netz” unterwegs ist, wird man vorsichtig, wenn mal wieder der nächste “heiße Scheiß” angekündigt wird. Zu viele gehypte Projekte verschwanden nach kurzer Zeit wieder gänzlich von der Bildfläche. Diesmal könnte sich die Aufmerksamkeit jedoch lohnen.

Ausgelöst durch Diskussion rund um die Löschpraxis innerhalb der deutschsprachigen Wikipedia bekommt ein Projekt auftrieb, dass das Verständnis von “Wissen” als Teil der Netzkultur revolutionieren könnte: “levit.at/ion”.

Levitation bezeichnet das freie Schweben eines Objektes. levit.at/ion möchte die Wikipedia zum schweben bringen. In dieser Variante gibt es nicht mehr “die” Wikipedia, sondern Tausende - Jeder hat seine persönliche Variante. Diese schweben frei nebeneinander her.


In der Wikipedia gehören so genannte “Edit-Wars” zum Alltag: Ein Nutzer ändert einen Satz in einem Artikel - ein anderer Nutzer findet den neuen Satz aber blöd. Nun wird der Artikel zum Teil über hundert Mal vor und zurück gändert. Auch streiten sich die “Wikipedianer” gerne mal darüber, ob ein Artikel “relevant” genug ist um in der deutschsprachigen Wikipedia aufgeführt zu sein.

Die Folge sind seitenlange Diskussionen, und wird der Artikel tatsächlich gelöscht, dann versucht der Unterlegene häufig aus Rache im Gegenzug Artikel des Gewinners löschen zu lassen. “Wissen” wird auf diese Weise wissentlich Vernichtet.

Nicht so bei “levit.at/ion“: Wird ein Artikel geändert, kann der Nutzer selbst entscheiden ob die Änderung in seiner persönlichen Wikipedia übernommen werden soll oder nicht. So entstehen “Parallel-Wikipedias” die nebeneinander schweben. Diese werden nur von dem Nutzer selbst verwalltet.

Klingt nach viel Arbeit. Der Nutzer kann jedoch jeden anderen Nutzer zu seinem persönlichen Administrator erklären. Stimmt dieser andere Nutzer einer Änderung in einem Artikel zu, wird sie auch in der eigenen Wikipedia übernommen. Und auch dieser andere Nutzer hat Freunde, denen er vertraut. So entstehen sozusagen Kettenreaktionen:

A vertraut B, B vertraut C, C vertraut D, D vertraut E, E vertraut F.
Wenn F nun eine Änderung vornimmt, dann wird diese auch automatisch in den Wikipedias von A, B, C, D und E übernommen.

Und jeder kennt mehr als nur eine Person die er als Kompetent einstuft:

A vertraut nicht nur B, sondern auch H, S, U, I, O und X.
Und nicht nur E vertraut F, sondern auch K, W, R, L und Y finden daß F gute Arbeit verrichtet.

So setzten sich “gute” Änderungen schnell durch.

Man kann natürlich auch Änderungen rückgängig machen und Artikel noch einmal überarbeiten.
Und man kann Personen, denen man nur halb Vertraut, auf eine Art “Moderationsstatus” setzen. So wird man beim nächsten Seitenbesuch gefragt, ob diese oder jene Änderung übernommen werden soll.

So braucht es keine langen Diskussionen mehr. Sind zwei Nutzer unterschiedlicher Meinung, gibt es eben ab diesem Zeitpunkt zwei Versionen des Artikels. Oder 5 oder Hundert. Durchsetzen wird sich die Version, die die meisten Benutzer für “die Bessere” hallten. Das ist Demokratie pur.

Und gleichzeitig gehen die anderen Versionen des Artikels nicht verloren. Man kann sich jederzeit Entscheiden in den Wikis der Anderen zu stöbern, und ggf so einen NOCH besseren Artikel zu basteln.

Noch ist nicht geklärt, wie sich das Projekt finanzieren soll, und wann die Technik ausgereift sein wird. Aber es klingt vielversprechend.

Mehr über die technischen Details von “Levit.at/ion” findet man im Blog des Entwicklers.




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